Header mein spannendster Einsatz 03
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Quelle
Bundespolizei
13.10.21

Spannende Menschen, spannende Einsätze 03

Egal ob Grenzschutz, Luftsicherheit oder Bahnpolizei - die Einsatzbereiche der Bundespolizei sind so vielfältig, wie die Geschichten und Erfahrungen unserer Polizistinnen und Polizisten, die sie im Laufe ihrer Karriere durchleben. Gemeinsam mit unseren Kolleginnen und Kollegen schwelgen wir deshalb in der Vergangenheit und geben euch hier einen Einblick in einige ihrer spannendsten Einsätze und Situationen bei der Bundespolizei!

Im dritten Teil unserer Interviewserie stellt sich Uwe unseren Fragen und erzählt von seiner Arbeit bei der Bundespolizei.

 

1. Hallo Uwe, stelle dich bitte kurz vor. Erzähle uns was über deinen polizeilichen Werdegang und deine aktuelle Verwendung.

Mein Name ist Uwe, 40 Jahre alt, verheiratet, ein Sohn (drei Jahre). Ich wohne mit meiner Familie in Thüringen, in der Nähe von Eisenach. Momentan bin ich zum Bundespolizeiaus- und -fortbildungszentrum Eschwege als Leiter Zentralbereich abgeordnet. Originär bin ich Zugführer in der Technischen Einsatzhundertschaft der Bundespolizeiabteilung Hünfeld.

2. Wie lange arbeitest du jetzt schon bei der Bundespolizei? Wann und wo wurdest du eingestellt?

Ich bin im 22. Dienstjahr. Eingestellt wurde ich am 1. September 1999, direkt nach dem Abi, als Polizeikommissaranwärter in Eschwege. Das war damals noch zu Zeiten des Bundesgrenzschutzes (BGS). Im Anschluss an die Ausbildung ging es an den Flughafen Frankfurt/Main als Gruppenleiter. Dort war ich bis September 2015 in verschiedenen Funktionen und Verwendungen (u.a. auch im Stab) tätig. Ich hatte in der Zeit am Flughafen auch die Möglichkeit Auslandserfahrung zu sammeln, bis ich dann Zugführer bei der Technischen Einsatzhundertschaft in der Bundespolizeiabteilung Hünfeld wurde.

3. Auf welche Situationen oder Einsätze blickst du mit einem Lächeln zurück und warum?

Da gibt es unzählige Situationen, wo soll ich da anfangen? Im Prinzip gab es bei jedem Einsatz/Dienst etwas, auf das man mit einem Lächeln zurückblickt. Das fängt an, wenn man besorgten Menschen helfen kann und später ein Dankesschreiben bekommt. Kleinigkeiten, wenn jemand seinen Koffer vergessen hat und die Streife ihn am nächsten Bahnhof überreichen kann. Wenn man Urlauber, die im Stau standen auf direktem Weg am Flughafen zum Flieger begleitet hat, so dass die Familie ihren Urlaub rechtzeitig antreten kann. Und natürlich Situationen innerhalb des Kollegenkreises.

4. Gibt es Situationen, bei denen du lieber nicht dabei gewesen wärst?

Natürlich gab es Situationen, bei denen ich lieber bei der Familie zu Hause gewesen wäre als im Einsatz. Aber bisher hatte ich keine Einsatzsituation, die ich lieber nicht erlebt hätte. Im Gegenteil, es gab viele spannende Einsätze, von denen Kolleginnen und Kollegen erzählt haben, in denen ich gerne unterstützt hätte, aber aufgrund Urlaub, Dienstfrei, Lehrgängen etc. nicht dabei sein konnte.

5. Was war bisher besonders prägend für dich als Person aber auch als Polizist?

Da gab es verschiedene Erlebnisse.  Besonders prägend war meine 13-monatige Verwendung in Afghanistan und die Einsätze im Rahmen der Migrationslage 2015 sowie die Klettereinsätze im Hambacher Forst und Dannenröder Forst. Beim letzten Einsatz hatte ich großes Glück, als ein mehrere 100 kg schwerer Baumstamm durch Störer zu Fall gebracht wurde und wenige cm neben mir eingeschlagen ist. Die Ermittlungen hierzu dauern noch an.

6. Gibt es für dich einen bisher spannendsten Einsatz? Wenn ja, kannst du davon erzählen?

Spannend finde ich grundsätzlich fast jeden Einsatz, weil jeder eine gewisse Herausforderung darstellt. Und je nach Entwicklung der Lage steigert sich die Herausforderung, was für mich persönlich am spannendsten ist. Und das war bis jetzt definitiv der Einsatz im Hambacher Forst.

Begonnen hat es mit einer Alarmierung aller Einheiten der Bundespolizei mit Kletterbefähigung sowie der Fachgruppen im Bereich der Öffnungs- und Lösetechnik. Diese sollten zur Unterstützung der Polizei des Landes bei den Baumhausräumungen im Hambacher Forst in den Einsatz gebracht werden.

Also wurde ein Einsatzzug mit knapp 60 Beamten aller Technischen Einsatzhundertschaften, aus dem gesamten Bundesgebiet gebildet. Und wer war verantwortlicher Zugführer? Ich!

Die Teileinheiten starteten aus ihren jeweiligen Standorten mit dem Fahrtziel „Raum Köln“, wo der Einsatzzug zusammengeführt wurde.

Auf dem Weg zum Einsatzort bekam ich die Informationen, wo wir die Fahrzeuge abstellen konnten bzw. übernachten sollten. Ich stand von Anfang an in engem Kontakt mit der uns vorgesetzten Stelle der Landespolizei NRW, diese warteten genauso fieberhaft wie wir auf eine Zuweisung einer Unterkunft seitens ihres Stabes. Glücklicherweise konnte dann rechtzeitig vor Ankunft ein Hotel gebucht und uns zugewiesen werden. Allerdings verfügten die gebuchten Doppelzimmer nur über Doppelbetten (1,40 m x 2,00 m), was die erste Nacht den einen oder anderen Kollegen nicht so erholsam schlafen ließ. Am zweiten Tag war aber bereits ein anderes Hotel für uns vorgesehen, welches über Doppelzimmer mit zwei einzelnen Betten verfügte.

Am ersten Einsatztag trafen sich alle Einsatzkräfte an einem Bereitstellungsort in der Nähe des Hambacher Forstes. Von dort aus verlegten wir an einen Treffpunkt im Wald. Nachdem wir den einzigen Zufahrtsweg passiert hatten, wurde dieser durch Störer mit der Attrappe einer Sprengfalle blockiert. Im Laufe des Vormittags wurde auf diesem Weg ein Streifenfahrzeug der Polizei des Landes aus dem Wald heraus mit einem Molotov-Cocktail angegriffen und brannte ab. Die Kollegen konnten zum Glück rechtzeitig aus dem Fahrzeug entkommen.

Für uns bedeutete das, Augen auf und Eigensicherung beachten! Im Wald war man nicht sicher. Man musste bei jedem Schritt besonders darauf achten, wo man hintrat. Überall waren Trittfallen versteckt, in Kopf– bzw. Halshöhe waren Stacheldraht oder Angelschnüre gespannt. Störer saßen in den Bäumen und warfen mit Fäkalien oder anderen Gegenständen. Dazu hatten sie mit Seilen Bäume miteinanderverbunden und konnten sich so frei bewegen.

Unsere Aufgabe bestand dann darin, die besetzten Baumhäuser zu räumen bzw. die Seilstrecken zwischen den Bäumen zu kappen. Dazu wurden die Besetzer mehrmals aufgefordert, innerhalb 30 Minuten die Baumhäuser zu verlassen. Nach Ablauf der Frist kam dann unser „Auftritt“. Mit Hilfe von Hubsteigern bzw. Kränen erreichten wir die Baumhäuser, nahmen die Besetzer fest. Oft kam es zum „Katz und Maus-Spiel“ durch die Baumkronen, da einige Störer versuchten sich der Festnahme zu entziehen. Das Risiko hierbei lag darin abzuschätzen wie hoch das Eigengefährdungspotential der Störer ist, da sie sich, teilweise ohne Sicherung, bis auf die äußersten Baumbereiche (25 m bis 30 m) begaben und die Gefahr des Abstürzens erheblich anstieg. Gefasst haben wir am Ende alle.  

Viele Störer leisteten passiven Widerstand, indem sie sich in Armröhren fest ketteten und diese dann einbetonierten. Man muss dabei zum einen äußerst behutsam mit den Arbeitsgeräten vorgehen, zum anderen musste die Situation und die damit verbundenen Gefahren im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung ständig neu bewertet werden. Um es deutlicher zu machen, ein Betonwürfel von einem Kubikmeter wiegt mindestens 1,2 t. Dieses Gewicht befand sich zusätzlich mit Störern und deren Ausrüstung in 20 m Höhe auf einem Ast mit 20 cm bis 30 cm Durchmesser. Hält der Baum? All diese Sachen mussten wir beachten, um die Gefahren für die Störer und die eigenen Kräfte einschätzen und abwägen und daraus resultierend, die richtige Strategie anwenden zu können.

All dies forderte jeden eingesetzten Kollegen geistig und körperlich den ganzen Tag mit Dienstzeiten von teilweise 14 bis 15 Stunden voll konzentriert zu bleiben.

Aber das macht es für mich zum spannendsten Einsatz den ich, bis jetzt, erleben durfte. 

Am Ende kann ich sagen wir haben den Einsatz, abgesehen von ein paar kleineren Blessuren, alle unverletzt überstanden. Dies lag an der Gesamtleistung ALLER Beteiligten, die in diesen Extremlagen ruhig und besonnen handelten und in der Lage waren, alles was sie im Laufe ihrer Ausbildungen und Lehrgänge gelernt haben, professionell abzurufen und umzusetzen.

7. Welche Pläne hast du für die Zukunft in deinem Beruf? Gibt es etwas, dass du im Rahmen deiner Polizeiarbeit gerne erleben würdest?

Momentan ist es mein Ziel die erforderlichen Voraussetzungen zu erfüllen, um mich dem Auswahlverfahren für den höheren Dienst stellen zu können.

Was ich gerne mal erleben würde, wäre eine Woche auf einem Patrouillenboot bei der Bundespolizei See oder als Sicherheitsberater für drei Jahre mit der Familie im Ausland tätig zu werden. Das steht bis zu meiner Pensionierung noch auf der Agenda.

8. Was möchtest du zukünftigen Bewerbern mit auf den Weg geben?

Überlegt euch gut, was es bedeutet und bedeuten kann, bei der Bundespolizei zu sein.    Deutschland ist groß und bundesweit einsetzbar, bedeutet auch bundesweit einsetzbar. Ich kenne aber keine Kollegen, die es nicht geschafft haben, am Ende da zu landen, wo sie gerne hinwollten. Das beinhaltet aber auch, dass diese Leute etwas dafür getan haben. Die Vor- und Nachteile eines Bundesbeamten sollte jeder für sich selber abwägen und dann entscheiden, ob er diesen Schritt geht.

Ich persönlich bereue nicht eine Minute. Klar musste ich auf das eine oder andere verzichten, aber das muss man in jedem Beruf. Aber alles, was ich bis jetzt erleben durfte, hebt den Verzicht um ein Vielfaches wieder auf. Ich kenne keine Behörde, die so viel Entwicklungsmöglichkeiten und Vielseitigkeit bietet, wie die Bundespolizei. 

 

Danke dir für die Zeit und alles Gute für die Zukunft, Uwe!