Hilfestellung zum Kurzaufsatz (Erörterung)

Arbeitszeit: 60 Minuten

Zweck der Erörterung für das Auswahlverfahren (EAV)

Im Laufe des Studiums müssen Sie zahlreiche Klausuren schreiben und zu verschiedenen Themen Stellung beziehen. Die Erörterung im Auswahlverfahren soll daher schon im Vorfeld zeigen, wie geschickt Sie Ihr Wissen und Ihre Gedanken präsentieren können. Fundierte Kenntnisse aktueller, gesellschaftlich relevanter Phänomene und zeitgeschichtlich bedeutsamer Zusammenhänge sowie ein angemessenes Sprachniveau sind für die Bewertung relevant.

Häufige Fehler:

1) Die Themenstellung wird nicht erfasst.

Viele machen den Fehler, jedes Thema unter dem Aspekt Vor- und Nachteile zu sehen oder bei jedem Thema nach Pro- und Contra-Argumenten zu suchen (dialektische Erörterung).

Themen wie „Warum ist das äußere Erscheinungsbild eines Polizeibeamten so wichtig?“ oder „Wie kann man junge Menschen für Sport begeistern?“ dürfen nicht nach dem Schema Vor- und Nachteile abgehandelt werden.

Beim ersten Thema müssen Gründe dargelegt werden, die die Behauptung, das Erscheinungsbild sei wichtig, unterstützen. Zu diskutieren, ob diese These stimmt oder nicht, wäre bei dieser Art der Themenstellung nicht zielführend. 

Beim zweiten Thema müssen geeignete Maßnahmen, junge Menschen für den Sport zu begeistern aufgeführt und begründet werden. Vor- und Nachteile des Sports an sich zu beleuchten, wäre hier nicht ausreichend.

Zu beiden Themen wird die Argumentation also linear gestaltet, das heißt, es wird eine inhaltlich einheitliche Argumentationslinie verfolgt.

Nachfolgend sind beispielhaft Anregungen zum ersten Thema angeführt:

Das äußere Erscheinungsbild eines Polizeibeamten ist sehr wichtig, um in der Bevölkerung Akzeptanz zu erlangen. Das gepflegte und korrekte Äußere, wie zum Beispiel eine ordentliche und saubere Uniform und ein kurzer, praktischer Haarschnitt, sind Voraussetzung dafür, dass dem Beamten Achtung und Vertrauen entgegengebracht wird. Selbst wenn heute ein Stil cooler Lässigkeit angesagt ist, besteht doch noch allgemein die Auffassung, dass ein „Ordnungshüter“ auch nach außen signalisieren sollte, wofür er steht.

Schulterlange Haare, zottelige Bärte, Piercings im Gesicht und eine verschmutzte Uniform machen den Polizeibeamten bei der Erfüllung seiner Aufgaben wenig glaubhaft. Das könnte zur Folge haben, dass der Bürger den Anweisungen des Beamten keine Folge leistet oder sich sogar widersetzt. …

2) In der Einleitung wird nicht zum Thema hingeführt, sondern nur die Themafrage wiederholt.

Nehmen Sie an, das Kurzaufsatzthema heißt:

Soll Kindererziehung als Pflichtfach in den Schulen gelehrt werden?

Person A schreibt dazu folgende (schlechte) Einleitung:

In unserer Gesellschaft wird immer öfter diskutiert, ob Kindererziehung nicht als Pflichtfach in Schulen gelehrt werden sollte. Im Folgenden möchte ich nun Argumente für und gegen das Schulfach „Kindererziehung“ anführen.

> Außer, dass sich Person A gemerkt hat, dass man die Themenfrage in der Einleitung zur eigenen Kontrolle wiederholt, erfährt der Leser nichts über die intellektuellen Fähigkeiten von A und die aktuelle Bedeutung dieser Themenstellung. So vergibt Person A wichtige Punkte.

Person B beginnt ihren Aufsatz so:

Das Interesse der Öffentlichkeit an Erziehungsfragen ist gewachsen. Von Kleinkindern überfordert und Teenagern tyrannisiert kapitulieren immer mehr Eltern in Sachen Erziehung. Nicht zufällig haben Fernsehsendungen wie „Die strengsten Eltern der Welt“ oder „Die Super Nanny“ hohe Einschaltquoten. Ist da nicht die Schule gefordert auf seriöse Weise die zukünftigen Väter und Mütter auf ihre Aufgabe vorzubereiten?

> Person B zeigt ihr Wissen. Es werden der Sinn von Schule und aktuelle Fernsehprogramme ins Spiel gebracht und beides in Bezug zum Thema gesetzt.

3) Im Hauptteil werden nur Behauptungen aufgestellt, Begründungen und Beispiele werden vergessen.

Als Beispiel für diese falsche Vorgehensweise schauen wir uns an, was Person A im Hauptteil schreibt:

Das wichtigste Argument für Kindererziehung als Pflichtfach ist, dass die Jugendlichen schon früh erfahren, dass Erziehung eine wichtige Sache ist. [Reine Behauptung, Begründung fehlt] Nach Meinung von Experten würden besonders die zahlreichen Teenie-Mütter davon profitieren. [Reine Behauptung, Begründung fehlt] In manchen Schulen gibt es zwar Pädagogikunterricht, aber dieser befasst sich zu wenig mit der eigentlichen Kindererziehung und mehr mit realitätsfernen Theorien. [Folgerung?]

Die Gegner der Einführung eines neuen Pflichtfaches argumentieren, dass der Stundenplan der Schüler sowieso schon überfrachtet ist und ein neues Fach nur durch Stundenreduzierung bei anderen Fächern eingerichtet werden kann. [Zahlenbeispiele?] Das wichtigste Gegenargument ist aber, dass die Jugendlichen von heute größtenteils keinen Kinderwunsch haben [Hintergründe?] und somit das Fach „Kindererziehung“ eine unnötige Zeit und Geldverschwendung darstellt.

> Es ist zwar inhaltlich nicht falsch, was A schreibt, aber für einen Erwachsenen, der ein wissenschaftliches Studium anstrebt, ist das gedankliche Niveau zu niedrig. Es fehlen Begründungen, Hintergründe, Zusammenhänge, Beweise, treffende Beispiele, Bewertungen und Folgerungen.

Beispiel für einen gelungenen Hauptteil und Schluss

Person B greift ähnliche Argumente auf, begründet aber ihre Thesen:

[Pro-Argument] Das wichtigste Argument für Kindererziehung als Pflichtfach ist, dass sie genauso wie Rechnen oder Schreiben für das spätere Leben von außerordentlicher Bedeutung ist, denn eine gelungene Erziehung bestimmt die Lebensqualität des Einzelnen und einer ganzen Gesellschaft, wie im Folgenden gezeigt werden wird. Um dieser Bedeutung gerecht zu werden, hat Kindererziehung einen festen Platz im Lehrplan verdient.

[Pro-Argument] Zunächst einmal hat das Fach „Kindererziehung“ für unsere Gesellschaft eine richtungweisende Funktion, indem es Erziehungsziele definiert und diskutiert. Was gelungene Erziehung ist, wird heute meist abhängig von den eigenen Idealen definiert. Die meisten Leute können sich aber darauf einigen, dass sich ein gut erzogenes Kind beherrschen kann, verantwortungsbewusst und höflich ist und sein Leben selbstbewusst meistert.

Wer dieses Verhalten zeigt, fällt bei seinen Mitmenschen, seien es die Lehrer, die späteren Arbeitgeber oder Lebenspartner, positiv auf. Dass die oben genannten Erziehungsziele Lebenschancen verteilen, auch diese wertvolle Einsicht kann das Fach „Kindererziehung“ vermitteln.

[Pro-Argument] Was aber das Schulfach „Kindererziehung“ jedem Erziehungsratgeber voraus hat, ist die Tatsache, dass der handlungsorientierte Unterricht praktisches Know-how für alle anbietet. Nicht jeder hat eine Naturbegabung für Erziehung oder bringt aufgrund seiner eigenen Erziehung einschlägiges Wissen mit. Vor allem männliche Jugendliche wissen oft nicht, was die Vaterrolle alles beinhaltet.

Es gibt auch genug Kinder, die zuhause keinen strukturierten Tagesablauf kennengelernt haben und deren Eltern keine Vorbildfunktion in puncto Verhalten übernehmen können. Damit diese Schüler es später einmal besser machen können, ist das Pflichtfach „Kindererziehung“ eigentlich unerlässlich. Nach Meinung von Experten würden besonders die zahlreichen Teenie-Eltern davon profitieren, die schon aufgrund ihres jugendlichen Alters auf die Vermittlung von Kompetenzen durch andere angewiesen sind.

[Pro-Argument] Wie bereits angeklungen ist, profitiert auch die Gesellschaft von gut erzogenen Kindern. Das Fach „Kindererziehung“ ist eine Investition in die Zukunft, die der Gesellschaft Kosten erspart. Fehlende Erziehung führt zu Auswüchsen, die sich dann in Kriminalitätsquoten, Schulabbrecherzahlen und Hartz-IV-Lebensläufen widerspiegeln, deren Folgen mit ihren finanziellen Konsequenzen die ganze Gesellschaft zu tragen hat.

[Überleitung zu den Contra-Argumenten] Obwohl sich der gesellschaftliche Schaden für mangelnde oder scheiternde Erziehung beziffern lässt, gibt es genug Stimmen, die das Schulfach „Kindererziehung“ ablehnen.

[Contra-Argument] Die Gegner der Einführung eines neuen Pflichtfaches argumentieren, dass der Stundenplan der Schüler sowieso schon überfrachtet ist. 36 Wochenstunden, Hausaufgaben nicht mitgerechnet, sind keine Seltenheit an deutschen Schulen. Ein neues Fach kann nur durch Stundenreduzierung bei anderen Fächern eingerichtet werden.

[Contra-Argument] Diese rein praktische Überlegung wird jedoch von der Sorge übertroffen, was passieren kann, wenn Erziehung nicht mehr als Privatsache angesehen wird. Jeder kennt Beispiele, wie totalitäre Regime auf die Kindererziehung nach ihren Idealen einwirken, um kritiklose, gefügige Anhänger zu formen und Hass gegen andere zu schüren.

[Contra-Argument] Das gegenwärtig stärkste Argument gegen die Einführung des Schulfachs „Kindererziehung“ ist aber, dass die Jugendlichen von heute größtenteils keinen Kinderwunsch haben. Ein Pflichtfach „Kindererziehung“ in der Schule hätte also keine Akzeptanz bei den Jugendlichen und würde nur eine ärgerliche Belastung darstellen.

[Eigene Meinung] Meine persönliche Ansicht ist, dass Kindererziehung als Pflichtfach in der Schule in unserer liberalen Gesellschaft unbedenklich eingeführt werden kann. Um den Stundenplan nicht zu überfrachten, genügt es, Kindererziehung erst in den letzten zwei Jahren der Schule einzuführen.

Das Argument „heutzutage hätten Jugendliche keinen Kinderwunsch, deshalb sei auch das Fach ‚Kindererziehung’ unnötig“, lasse ich nicht gelten. Zum einen kann dieser Wunsch noch kommen, zum anderen denke ich, dass die Angst vor der Kindererziehung mit ein Grund für den fehlenden Kinderwunsch ist, die man bei den meisten durch einen lösungsorientierten Unterricht in Kindererziehung abbauen könnte.

[Fazit/Schluss] In einer Zeit, in der viele Erwachsene stark verunsichert sind, wie sie erziehen sollen und auch ein großer Prozentsatz der Eltern ihre Erziehungsaufgabe nicht wahrnimmt, muss der Staat Hilfestellung geben. Nirgendwo ist dies so flächendeckend und effektiv möglich wie in der Schule.

Alternativtext

Wenn der Verfasser der Meinung ist, dass Kindererziehung kein Pflichtfach sein sollte, könnte er seinen Standpunkt so darlegen:

Ich bin der Ansicht, dass Kindererziehung als Pflichtfach nichts in der Schule zu suchen hat. Was befähigt z. B. einen 16-jährigen Jugendlichen, sich mit Erziehungsfragen auseinandersetzen? Aufgrund seiner Interessenlage und seiner geistigen Reife kann er sich gar nicht auf das Thema einlassen, um es zu reflektieren. Zehn oder zwanzig Jahre später, wenn das Thema Kindererziehung dann im Leben eines Erwachsenen spruchreif wird, wird er nicht mehr viel vom Unterricht wissen. Es ist auch äußerst zweifelhaft, ob die einst gelernten Strategien und Lösungsansätze bei Problemen noch als sinnvoll erachtet werden. Fragen wie „Soll man Babys schreien lassen oder nicht?“ oder „Wie lange darf ein Kind Windeln tragen?“ wurden von der Gesellschaft immer wieder anders beantwortet. Natürlich lagen in den Antworten versteckt immer andere Erziehungsziele zugrunde. Da man ein Kind unwillkürlich für die Gesellschaft erzieht, in der es lebt, bezweifle ich, dass ein vor Jahrzehnten genossener Unterricht in Kindererziehung später noch von großem Nutzen ist.

[Fazit/Schluss] Wenn der Staat ein gesteigertes Interesse daran hat, dass seine Bürger verantwortungsvoll mit ihrem Nachwuchs umgehen, kann er für werdende Eltern Anreize schaffen, sich aktiv mit Kindererziehung auseinanderzusetzen, um die Kinder und die Gesellschaft vor Schaden zu bewahren. Das Pflichtfach „Kindererziehung“ muss deshalb nicht eingeführt werden.
 

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